Nie wieder Schauspielschule!

Irgendwann hatte ich die fixe Idee auf eine Schauspielschule gehen zu müssen. Ich surfte im Internet und pickte mir eine heraus. Teuer waren sie auf jeden Fall alle. Ich rief an und bekam einen Vorstellungstermin. Das Semester lief zwar schon, aber es waren noch Plätze frei und sie suchten noch Studenten.
Also fand ich mich an einem Freitagnachmittag im Büro der Direktorin wieder. Sie war eine ältere, sehr schlanke Dame mit Kunsthaarperücke und einer Vorliebe für viel zu breite Gürtel.
Sie erklärte mir freundlich die Vorzüge ihrer Schule und dass am Montag die letzte Aufnahmeprüfung sei. Bis dahin hätte ich Zeit, mindestens drei Monologe aus drei verschiedenen Stücken auswendig zu lernen und natürlich mit Requisiten vorzubereiten. Sie schrieb mir auf, welche Stücke ich mir besorgen sollte und dann wurde ich verabschiedet.

An diesem Freitag war es schon zu spät, die Texte zu besorgen. Die Geschäfte hatten schon zu. Also raste ich am Samstag in aller Herrgottsfrühe in den nächsten Buchladen und erstand da tatsächlich alle Theaterstücke in „Reklamheftchenform“, die ich brauchte. Sie hatten zum Glück alles da und mussten nicht erst bestellen, sonst wäre ich nämlich aufgeschmissen gewesen.
Ich düste zurück nach Hause und verbrachte den restlichen Samstag und den Sonntag damit, mir die Texte ins Hirn zu kloppen. Ich habe normalerweise kein Problem mit Auswendiglernen aber diese klassischen Texte brachten mich an meine Grenzen. Ich bin nun mal kein Freund von „Schönrederei“, wie es Shakespeare, Goethe und Co. KG gerne praktizierten.

Der Montag kam und ich war nervös bis unter beide Arme. Ich fühlte mich absolut nicht vorbereitet und als ich endlich hereingerufen wurde, war mein Kopf absolut leer.
Ich sah mich der Direktorin und dem Dozenten für Dramaturgie gegenüber, die sich hinter einem langen Tisch mit stapelweise Papierkram aufgebaut hatten. Ansonsten war der große Raum völlig leer. Ich stellte mich und die Stücke noch mal vor, die ich vortragen wollte und versuchte mich krampfhaft an die erste Zeile zu erinnern. Eben hatte ich sie noch. Jetzt war sie weg!
Doch die Direktorin hatte da andere Vorstellungen, wie die Prüfung beginnen sollte. Zuerst wollte sie von mir wissen, wie denn der Raum aussah, in dem ich mich befand. Ich dachte nur:
„Häh?! Guck doch selber!“
Dann erst kapierte ich, dass sie wollte, dass ich mich „in den Raum hineinfühle“ in dem ich mich gleich als Antigone bewegen sollte.
Ich dachte:
„Scheiße! Früher in der Theater AG hatten wir immer gaaanz tolle Bühnenbilder. Da konnte man sich das „Hineinfühlen“ sparen und gleich mit dem Aufsagen des auswendig gelernten Textes anfangen, weil ja, dank der Bühnenbildner, jeder sehen konnte, in welchem Raum man sich befand!
Poh! Theaterleute! Mir schwante, dass ich da wohl noch enorm viel zu lernen hatte.
Damit ich jetzt nicht wie ein kompletter Volldepp dastand, tat ich so, als wüsste ich, was sie von mir wollte und beschrieb minutenlang den Raum, indem ich mir spontan sämtliche Einzelheiten aus dem Ärmel schüttelte, ohne mir vorher Gedanken gemacht zu haben. Da hing dann plötzlich ein Bild an der Wand, die ich in einem plötzlichen Anfall von Größenwahn mit teurer Seide bespannte. Ich verteilte virtuell wertvolle Möbel im Raum und achtete darauf, dass ich nachher im Spiel nicht über mein ausgedachtes „Luftinventar“ stolpern würde.

Endlich war das Zimmer eingerichtet und ich durfte anfangen zu Spielen.
Mittlerweile konnte ich mich auch wieder an meinen Text erinnern und ich zitierte mir den Wolf. Zwischendurch hatte ich dann doch wieder einen Hänger und ich musste improvisieren. Ich versuchte, mir den Blackout nicht anmerken zu lassen und brachte den Monolog sinngemäß zu ende.
Dann war ich fertig und war gar nicht mit mir zufrieden. Die beiden Prüfer steckten die Köpfe zusammen und verglichen ihre Notizen. Dann fragte mich die Direktorin, ob ich nicht noch was vorsingen könne. Ich viel aus allen Wolken. Singen!? Davon war beim Vorgespräch aber nicht die Rede gewesen! Wo sollte ich jetzt auf die Schnelle einen perfekt vorbereiteten Song herzaubern?! In meiner Not fiel mir nichts Besseres ein, als einen Disneysong aus „Pocahontas“ vorzutragen.
Nachdem ich fertig war, wurde noch ein bißchen getuschelt und dann wurde ich aus dem Raum geschickt, um im Vorraum auf die Entscheidung zu warten.

Da saß ich dann. Allein mit meinen Gedanken:
„Du warst total schlecht. Deine Betonung war unter aller Sau. Du warst so nervös, dass du dich gar nicht in die drei verschiedenen Charaktere, die du darstellen solltest, einfühlen konntest. Das hat dir bestimmt keiner abgenommen.
Aber der Gesang war gut!
Mag sein, aber du bist hier um schauzuspielen, nicht um zu singen! Und dein Spiel war Müll! Du hast total den Text vergessen!
Aber ich habe improvisiert! Ich habe mich ohne zu stocken über den Hänger ´rübergerettet! Und außerdem war die Akustik total schlecht!
Mach dir nichts vor! Du warst scheiße und du bist durchgefallen!
Aber das hier ist doch eine Schule! Wenn ich gleich perfekt wäre, müsste ich doch nichts mehr lernen!
Trotzdem warst du scheiße und die halten dich bestimmt für lernresistent!“
So ging ich mit mir ins Gericht, bis endlich die Direktorin kam, um mir mitzuteilen, ob ich jetzt aufgenommen werden würde, oder nicht. Natürlich machte sie es nicht kurz und bündig, sondern ließ mich endlos zappeln und wollte von mir wissen, wie ich mich denn einschätzen würde.
Stöhn! Da kann man doch nur falsch antworten! Ich murmelte was davon, dass ich nervös war und dass ich mich nicht so toll gefunden hätte und das ich hoffte, hier viel lernen zu können. Der übliche Text eben. Endlich hatte sie mit mir ein Einsehen und hieß mich als neue Studentin an ihrer Schule willkommen. Ich freute mir ein Loch in den Bauch und hab den ganzen Heimweg lang im Auto laut gesungen.
Ich war für den Abendkurs eingeteilt von 17:00 bis 22:00 Uhr und am nächsten Tag lernte ich meine Mitstudenten kennen. Ich war schon wieder mit den Nerven zu Fuß, denn ich kam nun in eine Gruppe, die bereits drei Monate Zeit gehabt hatte, sich gegenseitig kennenzulernen und ich kam jetzt neu und unwissend dazu. Bestimmt waren die alle super Schauspieler und viel begabter als ich und bestimmt würden die mich alle auslachen, sobald ich an die Reihe kam, was vorzuspielen. Aber weit gefehlt. Es waren durch die Bank weg alles nette Menschen und einige von denen hatten noch viel mehr Schiß vor mir als ich vor ihnen. Weiß der Geier warum.
In der ersten Woche hatte ich im Hauptfach „Grundlagen“ noch „Schonzeit“ und sah den anderen beim Spielen zu. Und so kam ich in den Genuss, mir von den anderen ein Bild machen zu können. Erst fand ich sie alle toll. Aber nach und nach langweilte ich mich. Und je öfter ich dieselben Leute mit den immer gleichen Bewegungsabläufen, der gleichen Art zu Sprechen und einer absolut unveränderten Körpersprache bei ihrer Interpretation von verschiedenen Rollen beobachtete, begann ich mich langsam zu fragen, wie um Himmels Willen, sie durch die Aufnahmeprüfung gekommen waren. Wahrscheinlich aus demselben Grund wie ich: Kohle! Wir waren alle samt Kühe, die gemolken wurden. Ob wir was lernten war egal! Hauptsache, wir zahlten pünktlich unsere damals noch 600 Mark im Monat! Es gab zwar den ein oder anderen Dozenten, der sich echt um uns bemühte und von dem man tatsächlich etwas lernen konnte. Aber die wirklich Guten blieben nicht lange. Ist ja klar, denn wenn man den Kalender voll hat mit Engagements, warum soll man sich noch die Schmach antun zu unterrichten? Und so kam es, dass immer mehr Unterrichtsstunden ausfielen. Manchmal bemerkte die Direktion nicht mal, dass wir vergeblich auf unseren Dozenten warteten und stundenlang uns selbst überlassen waren. Es ist ja nicht so wie in der Schule, dass der Klassensprecher ins Lehrerzimmer geht und bescheid sagt, dass da eine Klasse ohne Lehrer dasteht. Nein, Nein! Es war ja spät am Abend wenn wir Unterricht hatten und es war niemand mehr im Büro anzutreffen.
Dann begann das nächste Semester und eine Horde junger, dynamischer Menschen füllte die Schule mit Lärm und Gelächter. Die Direktorin, die auch selbst unterrichtete, hatte enorm viel Spaß an der hyperaktiven, vorlauten Meute und vernachlässigte zunehmend unseren kleinen Haufen, der eher als introvertiert galt. Stunden fielen aus, wurden nicht ersetzt, gute Dozenten kehrten der Schule den Rücken und als ich eines Tages auch noch beklaut wurde, weil wir unsere Taschen nicht mit in den Raum nehmen durften, zog ich die Konsequenzen. Ich kündigte meinen Knebelvertrag.
Mein Fazit:
Ich habe gelernt, wie man Menschen mit lustigen Spielen, Übungen und groben Unfug stundenlang beschäftigen und das Ganze als bezahlten Unterricht ausgeben kann. Das einzige, was ich dort für mich mitnehmen konnte, waren die Grundschläge beim Fechten und den Gebrauch meiner Bruststimme beim Sprechen, von deren Existenz ich bis dato keine Kenntnis hatte. Diese wurde mir von der einzigen Dozentin vorgestellt, die wirklich was drauf hatte und die uns infolge dessen früh verlassen hat, weil sich ganz andere Leute um sie gerissen haben.
Eigentlich hätte ich schon viel früher gehen sollen. Zum Beispiel, als der Dozent für Aikido anfing seinen Schülern ins Gesicht zu schlagen mit der Begründung uns abhärten zu wollen. Oder als ich mit Bedauern feststellen musste, dass uns die Gesangslehrerin nie was vorgesungen hat und nicht mal wusste, wie man einen Chor aufstellt!
Also, an alle, die meinen, Schauspiel studieren zu müssen:
Als erstes schaut Euch mal die Biografien aller erfolgreichen Schauspieler an, die es auf der Welt so gibt. Von denen war nur ein Bruchteil auf einer Schauspielschule. Entweder man hat es oder man hat es nicht. Wenn es mit Eurem Selbstbewusstsein nicht so weit her ist, wie mit meinem damals, dann informiert Euch um Himmels Willen besser, als ich es gemacht habe und nehmt nicht die erst beste Schule, die mit einem Ausbildungsvertrag winkt! Macht Euch schlau, lest Kritiken und befragt den ein oder anderen Studenten, der die Schule bereits besucht, für die Ihr Euch interessiert.

Ansonsten gibt es da noch eine wichtige Faustregel:
Wenn Du morgens aufwachst und Du kannst an nichts anderes, als ans Spielen denken, dann bist Du ein Schauspieler!
Du brauchst keine Schule! Die vermurksen Dich nur! Sei wie Du bist und spiel wie Du bist. Die meisten Rollen werden sowieso Typenbesetzt. Irgendwann ist auch für Dich was dabei. Immer schön am Ball bleiben. Hals- und Beinbruch!
Text: Nadja von der Hocht

 

Nadja von der Hocht

Autor: Nadja von der Hocht

Schauspielerin, Sprecherin und Autorin

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